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Winterquartier

Geschichte

In Dahlwitz-Hoppegarten am östlichen Stadtrand von Berlin unweit der Rennbahn bezog schon Harry Barlay Winterquartier für seinen Zirkus, 1953 folgte Zirkus Busch auf ein Gelände früherer Rennställe. Auf dem Gelände befand sich ein Einfamilienhaus „die Villa“, ein altes Fabrikgebäude, in dem früher Tabletten hergestellt wurden und eine Halle. 1958 begannen Planungen für ein großzügiges Winterquartier des Zirkus Busch. Das Projekt sah auf 55.780m2 Fläche zweigeschossige Wohngebäude, Garagen und Stellflächen, Werkstätten, Lagerplätzen, Probiermanegen und Stallungen vor. Die Kosten wurden in der Vorplanung auf 4,5 Millionen DM geschätzt. Im Zuge der geplanten Zentralisierung der Volkseigenen Zirkusse wurde dieses Projekt aufgegeben.

Bereits 1961 begannen so erneut Planungen für ein gemeinsames Winterquartier, welches später tatsächlich das wohl modernste in Europa werden sollte. In einer ersten Baubeschreibung heißt es: „Vom architektonischen Typus der Gebäude her wurde entsprechend der Aufgaben und dem Inhalt der Anlage, der damit gegeben ist, eine anspruchslose, bescheidene Gestaltung angeschlagen, die auch mit den z.Zt. vorhandenen Möglichkeiten der Baubetriebe und den finanziellen des Auftraggebers übereinstimmen. Alle Wände als geschlämmtes Ziegelmauerwerk, wobei einzelne Kontrastflächen in Putz erscheinen. Dächer als getypte Brettbinder mit Wellasbestdeckung, die hauptsächlich mit 25% Neigung als Sattel- oder Pultdach formbestimmend wiederkehrt. Lediglich die Probemanege wird als baulicher Festpunkt in befestigter Zeltform mit Asbelitplattenabdeckung versehen. Eine weitgehende Angleichung der alten, vorhandenen Substanz an die Haltung ist für die Zukunft anzustreben.“ Entgegen ersten Planungen, die z.B. vorsahen, lediglich im Inneren des Gebäudes 8 Raubtierwagen stellen zu können, wurden feste Käfige im Raubtierhaus gebaut. Die Bauausführung erfolgte von 1962 bis 1965 durch den VEB Bau Straußberg. Die Kosten wurden mit 3,5 Millionen DM veranschlagt.

1965 entstand auf einer gegenüberliegenden und nahezu gleichgroßen Fläche das „Objekt 2 . Neben einem bestehenden Stallgebäude wurden vier Wagenunterstellhallen, eine Futtermittelhalle sowie eine Ausrüstungshalle errichtet. 1967 wurde das Mittelteil des einstigen Barlay-Baus hier wieder aufgebaut und mit dem Stall verbunden. In diesem, als Provisorium gedachten Rundbau, entstand eine weitere Probemanege. Bis 1982 erfolgte der Einbau einer Stahlkonstruktion für Luftdarbietungen, der letztendlich in Eigenregie durchgeführt wurde.

Als Betriebsleiter fungierten Günter Gerstenberg (bis 1961), Walter Ziem (1961-1967), Werner Kaiser (1968-1981), Walter Franz (1981-1982), Heinz Knöppler (1983-1988) und Eckard Buhler (BT MTV, 1989-1990).

Beschreibung

Objekt I (Fläche 6,5 ha zwischen Frankfurter Chaussee und Bollensdorfer Weg)

  • 2 Wohnheime mit je 28 möblierten Schlafräumen für insgesamt je 112 Personen. Auf den Fluren befanden sich die sanitären Anlagen, Duschräume und die Frühstücksküche.
  • Gemeinschaftsgebäude mit zentraler Küche als Aufenthalts-, Speise- und Kulturraum
  • Stallungen für 80 Pferde und 30 Exoten, vor allem Kamele und Rinder in Ställen an der Außenseite. Hier gab es außerdem integrierte Aufenthaltsräume, Futter- und Sattelkammern, und im Dachboden wurde Heu und Stroh gelagert.
  • Elefantenstall
  • Zentrale Probenmanege, die sowohl von den Pferde-/Exotenställen als auch von den Stallungen der Elefanten erreichbar war.
  • Rechtwinklig zum Pferdestall befand sich die Raubtierhalle mit vier festen Käfigreihen, wobei die Käfiggröße variabel war. Laufgang zur Raubtierprobenmanege, an deren Gebäudeaußenseite Käfige für Bären und Sibirische Tiger. Außerdem befanden sich hier auch Funktionsräume, wie z.B. ein Kühl- und Futteraufbereitungsraum.
  • Heizhaus für Stallanlagen angrenzend an die Raubtierhalle
  • Montagehalle mit Tischlerei, Schlosserei und Schmiede
  • Halle für Malerei
  • Wagenunterstellhalle
  • KFZ-Reparaturwerkstatt
  • Holzlager, Trafostation, Heizungshaus und Schmutzwasserpumpwerk
  • "Villa": ein Einfamilienhaus - als Büro des Winterquartiers genutzt
  • altes Fabrikgebäude mit Büros der Zirkusse und Magazin

Objekt II (ca. 5,5 ha gegenüber Objekt I, durch die Rennbahnallee getrennt)

  • vier Wagenunterstellhallen
  • Futtermittelhalle für Heu und Stroh
  • Ausrüstungshalle für die Volksfesteinrichtungen
  • Stall für 20 Pferde, einen Exotenzug, Giraffe und Berolina-Elefant
  • Barlay-Rundbau als Probiermanege mit Regieraum, Garderoben, Werkstatt und Sanitärräumen. Der Rundbau wurde sowohl von der Staatlichen Fachschule für Artistik als auch für kleinere Veranstaltungen, wie Pressekonferenzen oder TV-Produktionen, genutzt.

In den Wintermonaten wurde das Winterquartier Heimstatt für alle drei Zirkusbetriebe und die Volksfesteinrichtungen. Hier konnten die technischen Anlagen und Fahrzeuge überholt werden und Tierlehrer und Artisten probieren.
Das Winterquartier war ein eigenständiger Betriebsteil, in dem auch im Sommer ca. 50 Mitarbeiter an langfristigen Reparaturprogrammen bzw. an speziellen Neuanfertigungen arbeiteten.
Je schwieriger es wurde, zirkustypisches Material und Equipment aus der Volkswirtschaft zu erhalten, desto mehr musste sich das Winterquartier zur Basis technischer Rekonstruktion und Fertigung von Arbeits- und Grundmitteln entwickeln.
So wurden immer mehr Wagen selbst gebaut und Instandsetzungsarbeiten, bisher industriell ausgeführt, selbst übernommen.
Ab 1986 wurden daher eine Schneiderei, eine Sattlerei für die Reparatur von Zeltausrüstungen, eine Elektro- und Elektronikwerkstatt sowie eine Sandstrahlerei eingerichtet, sowie die Malerwerkstatt um eine Spritzlackiererei erweitert.

Requisiten entstanden anfangs in Kooperation mit Spezialbetrieben. Ab 1983 schafften der Einsatz eines Konstrukteurs und die Einrichtung einer eigenen Requisitenwerkstatt die Voraussetzungen, notwendige Arbeitsmittel rationeller und vor allem schneller herstellen zu können.

Auch über 30 Jahre nachdem im Unternehmen der Betrieb eingestellt wurde, kann man in Hoppegarten noch Reste der ursprünglichen Bebauung finden

Betriebsteil MTV (Materiell-Technische Versorgung)

Zum 1. Juni 1989 wurden der Betriebsteil Winterquartier und der Direktionsbereich Technik der Generaldirektion zum Betriebsteil Materiell-Technische Versorgung zusammengefasst.
Mit dem Einsatz des Technischen Direktors als gleichzeitigem Leiter des Winterquartiers erhoffte man sich eine höhere Effektivität.

Der Schwerpunkt der Arbeit des neu strukturierten Betriebsteils lag nun auch offiziell darin, die materiell-technische Basis zu stabilisieren und entsprechend der speziellen Erfordernisse von Reisebetrieben Arbeits- und Grundmittel zu fertigen bzw. zu rekonstruieren.

Direktor
Ing. Eckard Buhler

Bereichsleiter Technik
Uwe Sauer

Leiter Fahrdienst
Frank Sadlo

Leiter Werkstätten
Ing. Martin Gronwald

Abteilungsleiter Produktion Wagenbau/Zirkustechnische Ausrüstung
Werner Weber

Gewandmeisterin
Christa Nestroy

Abteilungsleiter Energetik/Elektronik/Energiebeauftragter
Ing. Thomas Mayr

Bereichsleiter Verwaltung und Betreuung
Siegfried Schielke

Abteilungsleiter Allgemeine Verwaltung
Ökonom Dieter Hildebrandt

Erste Köchin
Gertrud Baum

Abteilungsleiter Zentrale Bewachungskräfte
Manfred Baum

Abteilungsleiter Instandhaltung
Dieter Zeinert

Abteilungsleiter Wärmeversorgung/Platzmeister
Ralf Domdey

Bereichsleiter Beschaffung und Absatz
Dipl.-Ökonom Reinhard Erck

Abteilungsleiterin Materialwirtschaft
Ökonom Brigitte Genz

Leiter Versorgungslager
Klaus Schäfer

Abteilungsleiterin Futtermittelwirtschaft/Stallbereich
Dipl.-Landw. Petra Greul

Abteilungsleiter Grundfondswirtschaft
Ing. Peter Scheibe

Nachtrag

Dank der Initative von Markus Quaiser und unseren gemeinsamen Bemühungen ist es gelungen, den Gebäudekomplex Rundbau (ehemaliger Barlay-Bau) und das mit ihm verbundene Stallgebäude im Objekt II des ehemaligen Winterquartiers in Hoppegarten unter Denkmalschutz zu stellen.

Die Gebäude sind seit dem 21.08.2012 in die Denkmalliste des Landes Brandenburg eingetragen. Damit konnten wir ein wichtiges Stück Unternehmensgeschichte vor dem Abriß bewahren (Auszug aus der Denkmalliste für den Landkreis Märkisch-Oderland, 2019).

Lagepläne

Die Pläne zeigen den Ausbau- und Planungsstand von 1963 (links) und den Ausbaustand aus den 1980er Jahren - zum Vergrößern anklicken

Tag der offenen Tür

Erstmals gab es 1969 einen „Tag der offenen Tür“ im Winterquartier, um den Besuchern einen Einblick hinter die Kulissen zu geben.

Ab 1985 wurde die Veranstaltung auf Objekt II ausgedehnt, wo ein Chapiteau für Kurzprogramme aufgestellt wurde. Den Besuchern bot sich die Gelegenheit, Artisten- und Dressurproben beizuwohnen und die Ställe und Werkstätten ebenso wie Wagen und Technik zu besichtigen. Ponyreiten und Karussells sorgten für Abwechslung bei den großen und kleinen Gästen. Der Termin lag immer kurz vor Ausreise der Zirkusse Ende Februar/Anfang März.

Wie die nachstehenden Besucherzahlen belegen, war dieser Anlaß außerordentlich beliebt. Der Erlös wurde nach Abzug der Kosten dem Solidaritätsfonds der DDR zugeführt.

1969
2500 Besucher

1970
3000 Besucher

1971
6000 Besucher

1972
12000 Besucher

1973
8000 Besucher

1974
13000 Besucher

1975
13616 Besucher

1976
16922 Besucher

1977
8894 Besucher

1980
15000 Besucher

 

1981
10144 Besucher

1982
16605 Besucher

1983
17492 Besucher

1984
22277 Besucher

1985
15200 Besucher

1986
19840 Besucher

1987
30026 Besucher

1988
18605 Besucher

1989
24000 Besucher

1990
Die Besucherzahlen für dieses Jahr liegen nicht vor

Videos aus dem Winterquartier

Video: Klaus Kaulis

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